DIE ANDERE ALGARVE

Reiseroute

Die andere Algarve

Der Süden Portugals, insbesondere dessen Küste, zählt zu den Lieblingszielen sonnenhungriger Urlauber. Doch während sich die Hochburgen des Tourismus westlich von Faro befinden, gibt es östlich davon einen noch unbekannten Landstrich zu entdecken.

Februar 2021, Lesezeit: 12 Minuten

Im Hochsommer gleicht der kleine Flughafen von Faro dem einer Großstadt – zumindest was das Passagier-Aufkommen betrifft. Die aus London und Liverpool, Warschau, Brüssel oder Düsseldorf gelandeten Menschen haben ihre Golfbags, ihre aufblasbaren Gummiboote, ihre Kinder dabei. Vor den Mietwagen-Schaltern bilden sich Warteschlangen, an der Auffahrt zur Landstraße staut sich der Verkehr. Dann aber trennen sich die Wege. Viele, eigentlich fast alle, fahren nach Westen in die bekannten Badeorte Albufeira, Carvoeiro oder Armaçao de Pera mit ihren Hotelburgen und goldenen Sandstränden. Ein paar wenige nehmen die Schnellstraße N 125 in die andere Richtung, die nach Osten zur spanischen Grenze führt.

 

Noch ist das Sotavento („Windschatten“) genannte Gebiet weitgehend unentdeckt, Englisch eine echte Fremdsprache und ein Hotel nicht automatisch ein Resort mit Golfplatz und Spa. Dafür befindet sich in Olhão der größte Fischerei-Hafen der Algarve. Das knapp 15.000 Einwohner-Städtchen liegt keine 30 Fahrminuten von Faros Flughafen entfernt, doch kaum jemand, der im Gedrängel am Gepäckband nach seinem Koffer gegriffen hat, scheint sich hierher zu verirren.

Nicht nur in der Dämmerung schön: Blick über die weißen Dächer von Olhão.

Olhão entstand im 17. Jahrhundert als Fischerdorf mit Strohhütten, erst 100 Jahre später wurden erste Steinhäuser nach maurischem Vorbild gebaut. Die Würfel-ähnlichen, weiß getünchten Häuschen mit flachen Dächern und Terrassen stehen noch und bröseln in stiller Schönheit vor sich hin. Manche sind dachlose Ruinen, manche wurden von  Ausländern gekauft und mustergültig renoviert. Bestes Beispiel ist das von außen wie innen strahlend weiße Hotel Convento mit seinem idyllischen Patio, den Dachterrassen und neun mit schlichtem Chic eingerichteten Zimmern. Zu den vier Inhabern gehört das Architektenpaar Eleonore Lefebure und Felipe Monteiro, das ringsum auch andere Altstadtruinen gekauft und renoviert hat. Was sie nicht selber bewohnen, wird an Urlauber vermietet, die so in den Genuss einer Ferienwohnung in den engen Gassen der Barreta (Altstadt) kommen – im Idealfall mit Dachterrasse.

 

Olhão punktet mit dem verblassten, morbiden und überaus liebenswürdigem Charme jener Orte, um die sich niemand großartig kümmert – sei es aus Desinteresse, sei es aus Geldmangel. Jedenfalls wurde hier kaum etwas verschandelt, modernisiert, aufgepeppt. Auffällig sind bestenfalls die großen und ausgesprochen ulkigen Metallfiguren des O Caminho dos Lendas (Legenden-Weg), die mit EU-Geld errichtet wurden und an diversen Stellen der Altstadt stehen. Hat man sie abgewandert, gibt es in Olhão nicht mehr viel zu tun, außer die von Gustave Eiffel entworfenen Markthallen zu besuchen, durch einsame Gassen zu bummeln und unter der Markise des Restaurants Casa de Pasto an der hübschen Praça Lopez ein Glas kühlen Algarve-Weißwein zu trinken. Und so ist dies der perfekte Ort für ein entspanntes, faules Wochenende.

Strandrestaurant am Cabanas Beach, Metallfiguren des O Caminho dos Lendas in Olhao, Gasse im Fischerdorf Cabanas.

Allerdings … Fast vor der Haustür befindet sich die unter Naturschutz stehende Ria Formosa-Lagune, ein natürliches Patchwork aus Wasserläufen, Lagunen, Sandbänken und Inseln mit fantastischen Stränden. Flamingos leben hier und Delphine und sogar die selten gewordenen Seepferdchen. Die Insel-Dörfer Farol und Armona sind fest in der Hand wohlhabender Portugiesen, die die ehemaligen Fischerhütten in mit Bougainvillea bewachsene Ferienhäuschen verwandelt haben. Doch davor erstrecken sich kilometerlange Sandstrände, teilweise mit Liegestühlen, Sonnenschirmen und Bars bestückt, teilweise naturbelassen und menschenleer. Auf der Ilha Deserta gibt es nur Sand, kristallklares Wasser und das neue, schick designte Restaurante Estaminé mit hervorragender Fischküche. Besonders stimmungsvoll ist Culatra, ein Fischerdorf. Die Fähre dorthin gleitet gemächlich den Rio Bello entlang, an Bord ein paar Hausfrauen, die in Olhão ihren Wocheneinkauf getätigt haben und nun mit prall gefüllten Wägelchen nach Hause fahren.

Vom langen Holzpier springen Kinder ins Meer, im Café Janoca an der sandigen Uferstraße sitzen braungebrannte Männer auf himmelblauen Plastikstühlen und spielen Domino. Auf Anfrage weisen sie vage den Weg zum Strand, vermutlich wüssten sie auch jemanden, der Fremdenzimmer vermietet, aber sie sprechen kein Englisch. Der Strand ist ohnehin nicht zu verfehlen: Er zieht sich auf der am offenen Meer liegenden Inselseite entlang und ist so weitläufig, dass sich die Grenzen im Dunst verlieren. Kein Jetski-Vermieter, kein Getränke-Verkäufer, kein fliegender Händler stören die Ruhe. Seitdem die einzige Badeanstalt von einer Sturmwelle weggespült wurde, gibt es auch keine Liegestühle mehr, so dass man nun im feinen Sand zwischen den Dünen oder vorne am Wasser liegt. Von dort sind vereinzelte Fischer zu sehen, die hüfthoch im Meer waten und ihre Netz-Boxen hinter sich herziehen. Die so gefangenen Tintenfische und Muscheln wird es abends im Café Janoca geben, zusammen mit einem tiefroten Tomatensalat und einem kühlen Sagres Bier.

Typischer Algarve-Snack: eisgekühlter Weißwein und geröstetes Brot mit Sardellen.

Etwas mehr Stadtleben bietet Tavira, Kennern zufolge die schönste Stadt an der Algarve, was auch anderen Reisenden nicht verborgen blieb. Trotzdem hält sich der Tourismus in Grenzen. Obwohl auf den Terrassen der Café-Konditoreien Pastelaria Veneza oder Pastelaria Romana an der zentralen Praça da Republica auch deutsche, englische und französische Wortfetzen zu hören sind, dominieren die portugiesischen Begrüßungsformeln „bom dia“ oder „tudo bem?“. Es gibt wenige Hotels, schon gar keine großen, dafür umso mehr Kirchen und eine Armada an Fischerbooten, die am Kai des Gilão Flusses vertäut liegen. Direkt am Ufer steht die 1887 erbaute Markthalle Mercado da Ribeira, eine zauberhafte schmiedeeiserne Konstruktion, die nach einer umfassenden Restaurierung umfunktioniert wurde und nun Kunstgewerbeläden und Restaurants beherbergt. Die sogenannte römische Brücke, die in Wahrheit im 12. Jahrhundert unter maurischer Herrschaft entstand, führt auf die anderen Flussseite, fast direkt in die ewig lange Rua Almirante Cândido dos Reis, wo die Hausfassaden über und über mit Azulejos verkleidet sind, mal in klassischem Blauweiß, mal in zarten Gelb-, Aprikosen- oder Rosé-Tönen.

Taviras antike Römerbrücke führt über den Rio Gilão.

Wer fit genug ist, mietet sich ein Fahrrad und fährt zwischen endlosen Salzbecken bis zur Gilão-Mündung am Meer. Dort wartet nicht nur die Marisqueira 4 Aguas mit fantastischen Meeresfrüchten und Terrasse, sondern auch ein weißblauer Holzkahn, der in knapp fünf Minuten zur Ilha da Tavira mit kilometerlangem Puderzuckerstrand übersetzt. Östlich von Tavira gibt es viele entzückende Orte zu entdecken. Das hübsche Dorf Cabanas direkt am Ria Formosa etwa, einst ein Thunfischfischerei-Zentrum, jetzt ein unaufgeregtes, verschlafenes Feriendorf. Oder das noch kleinere Cacela Velha mit knapp zwei Handvoll Algarve-Häusern, einer Kirche und einem Fort – alles hübsch um einen kopfsteingepflasterten Platz herum auf eine Hügelkuppe gestellt. Von hier oben sind die vorgelagerten Sandbänke von Fabrica zu sehen. Bei Ebbe läuft man zu Fuß durch das Watt hinüber, bei Flut bleibt man einfach am Ufer stehen. Es dauert meist nur wenige Minuten bis ein Fischer kommt und einen für einen Euro auf die Inseln fährt.

Beste Meeresfrüchte:
Marisqueira Quatro Aguas an der Gilão-Mündung.

Alles köstlich:
Tagesspezialitäten im Casa de Pasto in Olhão.

Am attraktivsten aber ist das strahlend weiße Fischerdorf Santa Luzia, Portugals Oktopus-Kapitale. Man sollte rechtzeitig einen Tisch im Restaurant Casa do Polvo Tasquinha besetzen, denn das Lokal mit den mit Azulejos bedeckten Wänden und einer Terrasse an der Uferpromenade nimmt keine Reservierungen an und steht bei Einheimischen hoch im Kurs. Als Bestseller der Menükarte gelten die von Patron Eduardo im Ofen geschmorten Tintenfische. Dazu bestellt man eine Karaffe fruchtig-leichte Weißwein-Sangria, danach fährt man ins benachbarte Pedras de El-Rei und von dort mit einem winzigen Vintage-Zug an die Praia Barril, wo früher ungefähr 80 Thunfisch-Fischer lebten. Ihre einfachen Häuser und Lagerhallen wurden renoviert und in Cafés und Umkleidekabinen verwandelt. In den Dünen hinter dem Strand liegen ihre inzwischen rostigen und halb versandeten Anker – der „Cemeterio das Ancoras“ (Anker-Friedhof) wirkt wie ein Mahnmal und eine Kunstinstallation zugleich.

Nachdem die Fischerei wegen der schwindenden Fischbeständen fast völlig zum Erliegen kam, setzt man jetzt auch an der östlichen Algarve auf den Tourismus. Der aber kommt nur sehr langsam in Schwung, obwohl in den letzten Jahren diverse liebevoll und mit viel Geschmack gestaltete Boutiquehotels eröffnet haben. Offenbar bevorzugen die meisten Urlauber nach wie vor die oft überfüllten Strände der westlichen Algarve sowie das Rund-um-die-Uhr-Unterhaltungsprogramm, das dort geboten wird. Den wenigen anderen, die ihr Handtuch an der Praia Barril ausgebreitet haben, ist das nur recht. Sie hoffen, dass ihnen die himmlische Ruhe auch noch im nächsten Sommer erhalten bleibt.

Hotels

Fazenda Nova

Ein Londoner Paar hat ein ehemaliges Landgut im hügeligen Hinterland von Olhão und Tavira sorgfältig renoviert und mit viel Geschmack eingerichtet. Die meisten der zehn unterschiedlich gestalteten Zimmer und Suiten haben eigene Terrassen, gemeinsam genutzt werden der Salzwasser-Pool, der umfangreiche Lesestoff und das hübsche Restaurant.
fazendanova.eu, ab 200 Euro

Vila Valverde

Unweit der Praia de Luz und am Ende einer von Olivenbäumen flankierten Auffahrt steht ein schönes Landhaus aus dem 19. Jahrhundert. Es beherbergt ein elegantes Designhotel, in dem alte Bausubstanz und zeitgeistorientierte Details gekonnt kombiniert wurden. Gästen stehen 15 individuell eingerichtete Zimmer zur Verfügung, dazu Innen- und Außenpool, Spa und eine schöne Terrasse. vilavalverde.com, ab 127 Euro

Convento

2015 entstand dieses zauberhafte Neun-Zimmer-B&B mit Dachterrassen und Pool in Olhãos Altstadt. Es gibt kein Namensschild am Eingang und eine No-Shoes-Policy im Haus. Dafür: Striktes Weiß in allen Räumen, stilvolle Einrichtung und ein sehr gutes Frühstück, das an einem langen Gemeinschaftstisch serviert wird.
conventoolhao.com, ab 100 Euro

Quinta dos Perfumes

Vor drei Jahren eröffneter Agro-Turismo inmitten einer weitläufigen Orangenplantage. Sechs große, schlicht-schöne Studios mit Kitchenette und Terrasse, Pool, Wifi, sehr leckeres Frühstück. Das Küstendorf Cabanas ist mit den hauseigenen Fahrrädern zu erreichen.
quintadosperfumes.pt, ab 90 Euro

Pousada do Convento da Graça

Das zitronengelbe Kloster aus dem 16. Jahrhundert ist um einen stimmungsvollen Innenhof mit Säulengang gebaut, unter den Arkaden wird das Frühstück serviert. Manche der 36 Zimmer sind in ehemaligen Zellen untergebracht, manche haben einen Balkon, alle sind zeitlos-elegant möbliert. Rua Dom Paio Peres Correia, Tel. +351 281 329 040
pousadas.pt/en/hotel/pousada-tavira, DZ ab 195 Euro

Tavira House

Charmantes Neun-Zimmer-Hotel, das in einem 160 Jahre alten Herrenhaus in Rufweite des Schlosses untergebracht ist. Man schläft in modern eingerichteten Räumen mit weißen Wänden und Holzböden, jedes Zimmer ist einer Blume gewidmet und mit entsprechenden Farbakzenten dekoriert. Rua Dr. Miguel Bombarda 47. Tel. +351 281 370 307, DZ ab 85 Euro