WÄSCHETAG

Bilderbuch

Wäschetag
Intimitäten aus aller Welt

Fotos: Sivan Askayo

Jaffa, Tel Aviv

Mein Wäscheprojekt begann mit einer zufälligen Aufnahme, die ich an einem Freitagnachmittag im April 2010 in Jaffa machte. Ich liebe Freitage in Tel Aviv. Die Stadt verlangsamt sich nach und nach und bereitet sich auf den Shabat (Samstag, Tag der Entspannung) vor. Diese besondere Atmosphäre findet man nirgendwo auf der Welt. Der Straßenverkehr lässt nach, die öffentlichen Verkehrsmittel verschwinden, die Menschen trinken ihren Kaffee in den Nachbarschaftscafés, sammeln die Wochenendzeitungen unter dem Arm und bereiten sich auf ein Nickerchen nach einer langen Arbeitswoche vor.

Ich wartete auf einen Freund, als ich eine Frauenstimme über mir hörte. Ich hob den Kopf und sah, wie sie ihre Wäsche aufhing. Dann kam eine Brise und belebte die frisch gewaschene Kleidung. Ich nahm das erste Bild auf. Es zeigt, wie der intime Charakter der Wäsche ein scheinbar prosaisches Thema faszinierend macht. Seitdem hat mich mein Projekt nach Madrid, Barcelona, London, Florenz, Venedig, Buenos Aires und Vietnam geführt, um die anonyme, zum Trocknen aufgehängte Wäsche zu fotografieren. Wenn ich nicht für einen Auftrag unterwegs bin, wähle ich mein Reiseziel oft nach einem Bild aus. Ein Bild, das meine Neugierde weckt. So war es bei Buenos Aires, wohin ich für ein Foto von einem großartigen Street-Art-Wandbild reiste. So war es bei Hoi An, wohin ich für ein Foto vom Vollmond beim Tet-Festival reiste. So war es in Neapel, wohin ich extra reiste, um trocknende Wäsche zu fotografieren.

London

Florenz

Venedig

Barcelona

Villefranche-sur-Mer

Buenos Aires

Vietnam

„Du musst nach Neapel“ – sagte mir jeder, der mein laufendes Projekt sah oder davon hörte. Also bin ich nach Neapel gefahren. Die Stadt hat mich nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil. Es war ein himmlischer Ort für meine Fotos und ein wichtiger Meilenstein für mein Projekt. In den engen Gassen unter den bröckelnden Balkonen der alten, farbenfrohen Gebäude zu spazieren, den Blick immer erhoben und die Kamera ständig auf „an“ zu haben, war eine erstaunliche visuelle Erfahrung. Ich konnte meine Augen nicht abwenden, nicht eine Minute lang, um ja keine Aufnahmemöglichkeit zu verpassen und um den Stoffbahnen zu folgen, die sich von einem Balkon zum anderen zogen.

Ich hatte einen privaten Tourguide gebucht, um sicherzugehen, dass ich auch die kleinsten Straßen und die gefährlichsten Gegenden besuchen würde. Marina, die in Neapel geboren und aufgewachsen ist, führte mich in das Forcella-Viertel, wo die Clans der Camorra (Neapels Mafia) herrschen. Und so begleitete ein Gefühl der Eile und der Gefahr mein Fotografie-Erlebnis. (Ich liebte es!). Als wir zur Via Forcella kamen, blieb Marina stehen und sagte: „Hier ist GOTT“. Sie schaute mich an, um sicherzugehen, dass ich verstand, was sie meinte und fuhr fort: „Ich finde GOTT in den Menschen, und hier hängen wir unsere Kleider auf … Hier sind die hängenden Kleider und die hängenden Geschichten der Neapolitaner.“ Sie drängte mich, schnell zu fotografieren und ich holte tief Luft, um meine Furcht zu überwinden, und machte meine Kamera bereit.

Neapel

Nach und nach gewöhne ich mich an die misstrauischen Blicke der Leute, die mich mit nach oben gerichteter Kamera unter Wäscheleinen stehen sehen, oder kniend, um einen besseren Winkel zu finden. Innerlich sage ich mir, dass sie mich verstehen würden, wenn sie wüssten, wonach ich suche oder woran ich arbeite. Andererseits kann ich ihnen ihre Verwunderung nicht verübeln. Ein Fotograf, der unter Wäscheleinen steht und auf eine Brise wartet, ist kein gewöhnlicher Anblick. Als ich für ein Shooting in Lissabon war, suchte ich in meiner Freizeit nach Wäsche. Sie war nicht schwer zu finden. In den engen Straßen und Gassen der Alfama und des Bairro Alto sind die Wäscheleinen überall. Das brachte mich wirklich zum Lächeln. Und was die misstrauischen Blicke angeht, die mir Einheimische immer wieder zuwarfen? Ich schätze, ich sollte sie einfach anlächeln.
Gerahmte Bilder meiner Fotografie können online über den ArtfullyWalls-Shop erworben werden: artfullywalls.com/uk/users/20/sivan-askayo

Lissabon

Sivan Askayo lebt in Tel Aviv. Sie fotografiert für Condé Nast Traveller, Travel + Leisure, Departures, Elle Decor, Enroute, Geo Saison, Monocle, Wallpaper und andere. sivanaskayo.com