GLOBEN – DIE VERMESSUNG DER WELT

Stilvorlage

Globen
Die Vermessung der Welt

Wie viele gute Ideen entstand auch diese in einem Londoner Pub. Nachdem Peter Bellerby erfolglos nach einem perfekten Globus für den 80. Geburtstag seines Vaters gesucht hatte, beschloss er, selber einen zu machen.

Juni 2021, Lesezeit: 7 Minuten

Ganz oben: letzte Details in Handarbeit aufgetragen, Foto: Paul Marc Mitchell. Mitte: Das Fixieren der Papierbahnen auf der Kugel ist Präzisionsarbeit, Foto: Ana Santl. Oben: Der Albion-Tischglobus, Foto: Bellerby & Co Globemakers.

Stoke Newington in Londons Norden zählt zu den angesagten Vierteln der Britischen Kapitale. Das Pub an der Ecke der Bouverie Road ist der Treffpunkt einheimischer Hipster, die Backstein-Häuschen in der Bouverie Mews sind beliebte Wohnadressen. „Kräftig klopfen“ steht auf einem weißen Blatt Papier an der Holztür einer ehemaligen Lagerhalle bei Hausnummer 7. In der lichtdurchfluteten Werkstatt dahinter trocknen handkolorierte Landkarten in kurios geschnittenen Bahnen an Wäscheleinen, auf mit Handtüchern gepolsterten Sockeln ruhen halbfertige Globen. Mal erkennt man die Konturen Afrikas, mal den Archipel der Philippinen, oder eine Welt voller Fabelwesen, die sich als detailgenaue Darstellung unserer Himmelskörper entpuppt.

Bellerby & Co Globemakers ist weltweit die einzige Manufaktur, die individuell gestaltete Globen fertigt, Stück für Stück in Handarbeit. Jeder einzelne Globus ist ein Unikat, auf Kundenwunsch werden noch so winzige Geburtsorte, Kulturstätten oder persönliche Reiserouten eingetragen, und zwar mit einer kartografischen Präzision, die es vorher kaum gab. „Die Fehler auf gängigen Atlassen und Schulgloben sind massiv“, sagt Peter Bellerby, der seine erste Weltkugel als Geschenk für seinen Vater bastelte, weil er nichts zu kaufen fand, das ihm gefiel. Das Projekt erwies sich als sehr viel zeitintensiver und komplizierter als gedacht: „Es gab keine verlässlichen Vorlagen, ich verglich und recherchierte, die Sache ist völlig außer Kontrolle geraten“, erzählt er. Es dauerte 18 Monate, bis das Teil fertig war und zugleich auch ein neues Business-Konzept. 2008 gründete Peter Bellerby sein Unternehmen, seitdem haben Tausende von Globen die Manufaktur verlassen.

Peter Bellerby, Foto: Harry Mitchel.

„Ich mag es nicht, wenn man mir sagt, was ich tun soll, ich gehe lieber meinen eigenen Weg. Diese Eigenschaft hat mich auch zu den Globen gebracht.“

Ganz neu: die Animalia-Globen, Foto: Bellerby & Co Globemakers.

Auf Sonderwünsche wird dabei gerne eingegangen: Ein Mitglied des britischen House of Lords bestellte einen Globus, auf dem das Wappen des parlamentarischen Oberhauses zu sehen ist. Ein anderer Kunde, der eine Reise in die Antarktis plante, wollte eine Landebahn eingezeichnet haben. Manche möchten alle Orte in arabischen Schriftzeichen, andere bis zu 200 zusätzliche handgemalte Illustrationen. Ein Russe bestellte das bislang größte Modell: Eine Kugel mit 127 Zentimeter Durchmesser. „Er hat warten müssen, denn davon schaffen wir höchstens ein Exemplar pro Jahr“, sagt Peter Bellerby, „es dauert Monate, diesen Globus herzustellen, und es ist so schwierig, dass man dafür in der richtigen Stimmung sein muss“.

Die Arbeit verlangt nach einer Kombination aus komplizierten Berechnungen und physischer Technik. Um auf die Sphäre zu passen, muss eine Landkarte in präzise Streifen aufgeteilt werden. Die Sphäre selbst muss perfekt sein, die kleinste Abweichung würde zu Lücken zwischen den Papierbahnen führen. Für das Verkleben des Papiers auf die Sphäre bedarf es einer Meisterhand: Das nasse Papier wird vorsichtig über die Kugeln gespannt, ohne dass es reißt, überlappt, Blasen wirft, knittert oder zu Pappmaché wird.

Höchste Konzentration: Bellerby-Mitarbeiter bei der Arbeit, Fotos: Paul Marc Mitchell.

Peter Bellerby kam über Umwege zur Vermessung der Welt. In seinem früheren Leben arbeitete im Fernsehen, kaufte und verkaufte Häuser, half Freunden bei der Eröffnung eines Clubs mit Bowling-Bahn. Ich mag es nicht, wenn man mir sagt, was ich tun soll“, sagt er, ich gehe lieber meinen eigenen Weg. Diese Eigenschaft hat mich auch zu den Globen gebracht“. Im Alleingang hat er die verlorene Kunst der Globusherstellung wiederbelebt – Bellerby & Co Globemakers ist eines der wenigen Unternehmen auf der Welt (wenn nicht das einzige), das moderne Globen auf traditionelle Weise produziert.

Sein derzeit spannendster Auftrag kommt aus dem Pariser Louvre: Eine Kopie des Himmelglobus, der 1681 für Louis XIV angefertigt wurde. Die Kugel hat einen Durchmesser von 387 Zentimetern, das Original wiegt etwa zwei Tonnen. Es existieren noch die alten Kupferplatten, die tadellos erhalten sind, und die Drucke. „Ein Teil der Arbeit findet in Paris statt, denn natürlich gibt der Louvre die Kupferplatten nicht aus dem Haus“, erklärt Peter Bellerby, „wir müssen auch noch ein paar wichtige Details in der Arbeit des Künstlers verstehen, der längst nicht mehr lebt und keinerlei Hinweise hinterlassen hat, wie er vorgegangen ist“. Die Finanzierung des einzigartigen Projekts ist auch noch nicht ganz in trockenen Tüchern. Bis wann der Globus fertig wird, steht also buchstäblich in den Sternen, aber irgendwann – so hofft man – wird er im großen Treppenhaus des Museums schweben. Gerade präsentiert wurde dagegen die neue Animalia-Kollektion, deren Globen mit 196 handgezeichneten und -gemalten Illustrationen von Tieren in ihrem natürlichen Habitat geschmückt sind. Größe und Farbton sind variabel und Kunden können ihren Hund, ihr Meerschweinchen oder ihren Papagei verewigen lassen. Als Nächstes folgt eine Serie mit massiven handgegossenen Bronze-Globen von 22 bis 80 Zentimetern Durchmesser für all jene, die einen zeitgenössischen Look suchen.

Globus aus der Seidenstraße-Serie (Detail), Foto: Bellerby & Co Globemakers.

So oder so: Die Globen haben ihren Preis. Das XXL-Churchill-Modell, an dem zwischen sechs Monaten und zwei Jahren gearbeitet wird, kostet ab 89.000 Pfund, kleinere Exemplare sind ab 1349 Pfund zu haben. Wer kauft das in Zeiten von Google Maps und Navi? „Niemand, der damit reisen möchte. Globen sind nicht dazu gedacht, den Weg von A nach B zu weisen“, sagt Peter Bellerby, „wir verstehen sie als Inspirationsquelle und als kunstvoll handgefertigte Objekte, die man an zukünftige Generationen weitergeben kann“. Zu seinen Kunden zählen Studenten, Industrie-Kapitäne, Film-Stars. Die Globen sind in Hollywood-Produktionen, Fernseh-Shows und Musik-Videos zu sehen. Hat auch der britische Königshof einen? „Vielleicht, vielleicht auch nicht“, sagt Peter Bellerby mit einem Lächeln. Er fände es schön, der Königin einen Globus zu widmen, auf dem das Queen Elizabeth Land verzeichnet ist – ein Gebiet in der Antarktis, das 2012 anlässlich ihres 60. Thronjubiläums nach der Königin benannt wurde.

Immerhin wurde Bellerby & Co gerade zum zweiten Mal mit dem renommierten Queen’s Award for Enterprise geehrt, der höchsten offiziellen Auszeichnung für britische Unternehmen, die sich durch internationalen Handel, Innovation, nachhaltige Entwicklung oder Förderung von Chancen profilieren. Denn trotz Pandemie konnte Peter Bellerby expandieren: Er hat sechs neue Mitarbeiter eingestellt, gut 600 Globen verließen 2020 die Werkstatt und reisten zu Kunden nach Japan, Indien, China, Brasilien und in die USA. Der Erfolg läßt sich nur mit der Schönheit und Wertigkeit der Globen erklären. Sie sind ein Stück Zeitgeschichte, die die Welt so zeigen, wie sie ist.
bellerbyandco.com