EXPERIMENTE AUF FRANZÖSISCH

Delikatessen

Experimente auf Französisch

Nach Jahrzehnten nächtlicher Langeweile hat ein Trio die Pariser Bar-Szene aufgeshaked – dann das Erfolgsrezept auf Restaurants und Hotels übertragen und in andere Länder exportiert.

Oktober 2021, Lesezeit 18 Minuten

Trio Infernal: Romée de Goriainoff, Pierre-Charles Cros, Olivier Bon, v.l.n.r. Foto: Addie Chinn

Cocktails trinkt man in New York oder in London. In Paris war der Kir Royal eine gefühlte Ewigkeit lang das Nonplusultra, wenn es darum ging, aus mehreren Zutaten einen Drink zu mischen. Denn Franzosen kennen sich zwar mit Wein und Champagner aus, Cocktails aber waren nie ihr Ding. Das galt bis zu dem Tag, an dem Olivier Bon, Romée de Goriainoff und Pierre-Charles Cros auf der Bar-Bildfläche erschienen. Das Trio startete einen Trend, auf den zunächst kein Franzose auch nur einen Cent verwettet hätte: Lokale nach amerikanischem Vorbild, ein bisschen Speakeasy, ein bisschen Keller-Club, ein bisschen klassische Hotelbar. Die Revolution begann an einer stillen, kopfsteingepflasterten Seitengasse in Sentier, einem Viertel, das damals, vor fast 15 Jahren, noch kein Stück trendy war. Die Bar ist leicht zu übersehen, nur eine kleine Metallplakette weist auf die Eingangstür. Dahinter befindet sich der Experimental Cocktail Club, ein schummeriges Lokal mit unverputzten Steinwänden, schweren Samtvorhängen, ein paar Sofas und einem alten Klavier. Hinter dem schweren Tresen agieren aber junge Barkeeper, die sowohl alle Cocktail-Klassiker in Perfektion mischten, als auch eigene, höchst kreative Drinks.

Profi am Werk im Experimental Cocktail Club in Paris.

„Uns wurde klar, dass es in Paris einen neuen Ansatz für das Barleben im 21. Jahrhundert geben sollte.“
– Romée de Goriainoff –

Bar The Shell im Hotel Grand Boulevards. Foto: Karel Balas

Der Erfolg kommt buchstäblich über Nacht. Pariser Hipster nehmen die neue Cocktail-Kultur begeistert an und die in Paris lebenden Ausländer stürzen sich auf die ersten genießbaren Drinks, die in ihrer neuen Heimat zu haben sind. Innerhalb weniger Monate schafft es der ECC auf die Seiten der Financial Times, also mitten hinein ins Land der Top-Mixologisten. Dort fragt man sich, wer wohl diese Frenchies sein könnten, die das Pariser Nachtleben auf den Kopf stellen und statt Champagner Cocktails servieren. Olivier Bon, Romée de Goriainoff und Pierre-Charles Cros kennen sich seit der Grundschule und hatten schon als Teenager eine Schwäche für Margarita, Manhattan und Martini Dry. Unabhängig voneinander bauten sie ein USA-Jahr in ihre Studiengänge ein und lernten dabei nicht nur, wie die amerikanische Wirtschaft funktioniert, sondern auch, dass eine Cocktailbar nicht zwangsläufig altmodisch sein muss. „Uns wurde klar, dass es in Paris einen neuen Ansatz für das Barleben im 21. Jahrhundert geben sollte“, sagt Romée de Goriainoff. Zunächst mussten sich die Pariser mit dem Shaker anfreunden. Es ging darum, ihnen klarzumachen, dass Mischen nicht dazu dient, irgend einen Mist zu verkaufen, sondern dass man im ECC zum coolen Ambiente erstklassige Drinks aus ausgesuchten Zutaten bekommt. „Alkohol ist schädlich für die Gesundheit. Dann sollte er wenigstens schmecken“, lautet das Credo des Trios. Die Botschaft kommt an – die Pariser stellen zum Teil verwundert fest, dass nicht alles, was aus den USA kommt, von Haus aus ungenießbar ist.

Perfekter Sundowner an der Bar des Menorca Experimental. Foto: Karel Balas

„Unser unternehmerischer Ansatz war von Anfang an amerikanisch geprägt.“
– Pierre-Charles Cros –

Sternekoch Gregory Marchand im Restaurant Frenchie, Hotel Grand Pigalle. Foto: Geraldine Martens

Sabbaba Montesol, Rooftop & Cocktail Bar auf Ibiza.
Foto: Ana Lui

„Unser unternehmerischer Ansatz war von Anfang an amerikanisch geprägt“, erklärt Pierre-Charles Cros, „wir wollten nicht eine weitere Quartier-Kneipe für unsere Freunde eröffnen, sondern ein solides, professionelles und zukunftsorientiertes Geschäftsmodell aufbauen“. Als Vorbilder dienten Studio 54-Gründer und Boutiquehotel-Erfinder Ian Schrager, Trend-Hotelier André Balazs und natürlich die Costes-Brüder, die mit ihrem Pariser Luxushotel Costes, dessen Bar und Restaurant, einen coolen, international angesagten Treffpunkt geschaffen hatten. Inzwischen können sich die ECC-Gründer mit jedem davon messen. Nach und nach eröffneten sie weitere Bars in Paris, wagten sich mit ihrem ECC-Konzept nach London und New York, expandierten in die Bereiche der Gastronomie und Hotellerie. „Wir hatten schon immer das Gefühl, dass wir in Richtung Hotellerie gehen sollten“, erinnert sich Olivier Bon, „es dauerte aber sieben Jahre, bis wir finanziell solide genug waren, uns an ein Hotel-Projekt heranzuwagen“. Den Anfang macht 2015 das Hotel Grand Pigalle im gerade aufstrebenden Pariser Stadtteil SoPi (South of Pigalle) und es zeigt deutlich, in welche Richtung die Reise gehen würde: Hotels, die neben schick gestalteten Räumen, guten Betten und einem kompetenten, freundlichen Service auch coole Bars und tolle Restaurants bieten. Man sollte dort den Tag mit einem richtig guten Frühstück beginnen und am Abend mit einem tollen Cocktail in einer angesagten Bar beenden. Alles innerhalb der Hotel-Mauern. Heute setzt die Experimental-Gruppe ausschließlich auf Hotel-Projekte – nicht nur in Paris, sondern auch in London, Verbier, Venedig und Menorca. Im Moment wird gerade das ikonische Grand Hotel Montesol in Ibiza-Stadt in ein Experimental-Haus verwandelt. Das lässige Restaurant mit Straßenterrasse und die sensationelle Rooftop-Bar sind seit dem Spätsommer fertig und geöffnet, die Zimmer des ehemaligen Hilton Curio werden ab Januar 2022 komplett neu gestaltet. Ibiza ist nach Menorca schon die zweite Balearen-Destination der Gruppe: „Beides waren Bauchentscheidungen – und es waren wirklich gute Gelegenheiten, bei denen alles gepasst hat“, sagt Oliver Bon.

„Auf jeden Fall möchten wir in den nächsten Jahren in den großen europäischen Städten präsent sein.“
– Oliver Bon –

Experimental Châlet Verbier. Fotos: Mr. Tripper

Experimental ist zu einer Marke geworden, die Menschen in Bewegung setzt und Signale sendet. „Wenn wir nach Menorca gehen, werden uns nicht nur Gäste, sondern auch andere Hoteliers und Gastronomen folgen“, glaubt Romée de Goriainoff. Es geht aber auch anders herum: Verbier, wo Experimental seit ein paar Jahren ein 39-Zimmer-Chalet betreibt, war ohnehin schon das Ziel vieler ihrer Kunden. Was dort fehlte, war ein entspanntes, schickes Hotel mit einem dazu passenden Gastronomie- und Barkonzept. „Wir wussten, dass wenn wir dort etwas eröffnen, würde das problemlos funktionieren“, sagt Oliver Bon. Und so ist es auch. Die mit Bedacht wachsende Gruppe positioniert sich bewusst zwischen hübschen Einzelhotels, kleinen lokalen Hotelgruppen und den Häusern der global agierenden Ketten. Experimental ist international, unabhängig und ja, auch immer ein wenig experimentell. Mit ihrem Konzept, ein 40- bis 50-Zimmer-Hotel mit tollem Design, guter Gastronomie und bestem Service anzubieten, ist sie ziemlich konkurrenzlos. Im Moment hat das Gründer-Trio Rom und Mailand im Visier, Lissabon ist eine weitere Wunschdestination und auch der deutsche Markt lockt. „Auf jeden Fall möchten wir in den nächsten Jahren in den großen europäischen Städten präsent sein“, sagt Oliver Bon, „und auch an ein paar exotischen Orten“. Also überall dort, wo sie selber gerne Urlaub machen.

Chronologie der Experimente

2007: Experimental Cocktail Club, Paris

Underground-Ambiente, innovative Drinks und talentierte Mixologen haben die Bar zu einem Wahrzeichen für Cocktail-Liebhaber gemacht. Bis heute ist dies ein beliebter Treffpunkt der hippen Großstadtbewohner. 37 rue Saint-Sauveur, 75002 Paris, Tel. +33 1 45 08 88 09, experimentalcocktailclub.com

2009: Prescription Cocktail Club, Paris

Die schicke Bar in Saint-Germain wird ab Januar 2022 geschlossen, komplett renoviert und neu gestaltet, der Relaunch mit neuem Look, neuem Team und neuem Angebot soll spätesten im März stattfinden. 23 rue Mazarine, 75006 Paris, Tel. +33 9 50 35 72 87, prescriptioncocktailclub.com

2010: ECC Chinatown, London

Cocktails made in France sind selbst in England etwas Besonderes – wie auch das Dekor im Stil der 1920er Jahre. Die Cocktails stehen für eine Verschmelzung zweier Kulturen und werden durch eine ungewöhnliche Auswahl an Vintage-Spirituosen ergänzt. 13A Gerrard st, W1D 5PS London, Tel. +44 207 434 35 59, experimentalcocktailclublondon.com

2011: La Compagnie des Vins Surnaturels, Paris

Hier geht es nicht um Cocktails, sondern um Weine. Ein Team von erfahrenen, neugierigen und abenteuerlustigen Sommeliers bietet 600 Referenzen auch von kleinen, wenig bekannten Erzeugern sowie eine Auswahl köstlicher Tapas. 7 rue Lobineau, 75006 Paris, Tel. +33 9 54 90 20 20, compagniedesvinssurnaturels.com
Foto: Nancy Ricard

2013: La Compagnie des Vins Surnaturels, London

Die Bar in Covent Garden wurde wie ein klassisches englisches Pubs gestaltet. Das Weinangebot bietet eine Liste mit etwa 1000 Referenzen aus Frankreich und der ganzen Welt, darunter auch schwer zu findende Produkte von innovativen Erzeugern. 8-10 Neal’s Yard, WC2H 9DP London, Tel. +44 207 734 77 37, cvssevendials.com
Foto: Addie Chinn

2013: Experimental Beach, Ibiza

Schicker Beachclub mit bequemen Liegen und Sonnenschirmen an einem unberührten Strandabschnitt südlich des Salinenreservats Las Salinas. Im Restaurant gibt es leichte Mittelmeerküche, eine sorgfältig zusammengestellte Weinauswahl, viele exzellente Cocktails und gute Musik. Playa des Codolas Salinas, 07818 Ibiza, Tel. +34 664 331 269, eccbeach.com
Foto: Ana Lui

2014: La Compagnie des Vins Surnaturels, New York

Ein Stück Paris an der Kreuzung von Nolita, Soho und Little Italy mit einem farbenfrohen und entspannten Design, das an das Flaggschiff in Paris erinnert. Zur Auswahl stehen mehr als 1000 Weine aus aller Welt, davon werden rund 30 auch glasweise ausgeschenkt. Dazu: eine Auswahl saisonaler Tapas. 249 Centre st, 10013 New York, Tel. +1 212 343 36 60, compagnienyc.com

2015: Hotel Grand Pigalle, Paris

37 Zimmer in einem typischen Haussmann-Gebäude in bester SoPi-Lage (South of Pigalle). Die Einrichtung mischt Retro mit modernen Akzenten, die Rooftop-Suiten bieten einen Blick über die Dächer der Stadt. Im Hotel befindet sich das innovative Restaurant Frenchie von Sternekoch Gregory Marchand. 2 rue Victor Massé, 75009 Paris, Tel. +33 1 85 73 12 00, grandpigalle.com
Foto: Kristen Pelou

2017: Henrietta Hotel & Restaurant, London

Beste Lage im Herzen von Covent Garden mit 18 elegant gestalteten Zimmer in rosaroten und blauen Farbtönen und viel italienischem Design. Italienisch geprägt ist auch das Hotelrestaurant Da Henrietta mit leckerer Mittelmeerküche. 14-15 Henrietta st, WC2E 8QH London, Tel. +44 203 794 53 13, henriettahotel.com

2017: Balagan, Paris

Beste Levante-Küche mit den vielfältigen Aromen des Nahen Ostens: fantasiereiche Meze, marokkanisch-israelisches Artischockenragout, festliches Mansaf-Lamm, Seebarsch nach Jerusalemer Art und Couscous. Das Restaurant befindet sich im Renaissance Hotels Paris Vendôme in Rufweite der edlen Boutiquen der Rue Saint Honoré. 9 rue d’Alger, 75001 Paris, Tel. +33 1 40 20 72 14, balagan-paris.com

2018: Hotel Grands Boulevards, Paris

50 komfortable, in warmen Farben, mit Spiegeln, Designermöbeln und Himmelbetten gestaltete Zimmer, viele mit Balkon oder Terrasse. Dazu: Italo-französisches Innenhof-Restaurant, Shell Cocktail Bar mit kreativen Drinks, einzigartige Dachterrasse. 17 blvd Poissonière, 75002 Paris, Tel. +33 1 85 73 33 33, grandsboulevardshotel.com
Foto: Karel Balas

2018: Experimental Châlet Verbier, Verbier

Zwischen den schneebedeckten Gipfeln der Schweizer Alpen: 39 minimalistisch-komfortable Zimmern und Suiten mit offenen Räumen und viel natürlichem Licht gestaltet. Dazu: ein Bistro vom Pariser Chefkoch Gregory Marchand, ein rustikal-schicker Farm Club und eine Bar mit den innovativen Cocktails der Gruppe. Route de Verbier Station 55, 1936 Bagnes, Tel. +41 27 775 40 00, experimentalchalet.com
Foto: Mr. Tripper

2019: Menorca Experimental, Menorca

Idyllisches Hotel in einer weiß getünchten Finca aus dem 19. Jahrhundert zwischen Pinienhainen, Wacholdersträuchern und Wildblumen. Die 43 Zimmer und Villen sind in urbanem Landhausstil gehalten, die Mittelmeerküche im Hotelrestaurant wird mit saisonalen Produkten zubereitet, viele davon aus dem eigenen Garten. Sant Llorenç, Menorca, Tel. +34 627 36 94 31, menorcaexperimental.com
Foto: Karel Balas

2019: Il Palazzo Experimental, Venedig

Im Stadtteil Dorsoduro, unweit vom Guggenheim Museum und der Galleria dell’Accademia steht ein roter Backstein-Palazzo mit 32 hellen Zimmer und Suiten sowie einem Garten, der auf einen Kanal hinausgeht. Zum Haus gehören das Ristorante Adriatica mit feiner italienischer Küche und eine Cocktailbar. Fondamenta Zattere, Dorsoduro, 30123 Venedig, Tel. +39 041 09 80 200, palazzoexperimental.com
Foto: Karel Balas

2021: Sabbaba Montesol Restaurant, Ibiza

Ende des Sommers im Erdgeschoss des Montesol-Hotels eröffnetes Restaurant mit großer Terrasse. Aus der offenen Küche und vom Robata-Grill kommen originelle levantinische Spezialitäten und feine Mittelmeerkost. Dazu gibt es eine sorgfältige Auswahl spanischer und anderer Weine aus der Mittelmeerregion. Paseo de Vara de Rey 2, 07800 Ibiza, Tel. +34 871 51 50 49, sabbabamontesol.com
Foto: Ana Lui

2021: Sabbaba Montesol Rooftop & Cocktail, Ibiza

Ebenfalls seit dem Spätsommer gibt es auf der Dachterrasse des Montesol eine einzigartige Bar mit Blick auf die Altstadtdächer. Zu Cocktails, Sangria oder Bier gibt es interessante kulinarische Kreationen wie Pulpo-Laffel, Daikonnoli und Lamb Chop Lollipop. Paseo de Vara de Rey 2, 07800 Ibiza, Tel. +34 871 51 50 49, sabbabamontesol.com
Foto: Ana Lui

2022: Grand Hotel Montesol, Ibiza

Historisches Hotel aus den 1930er Jahren in der Altstadt von Ibiza. Ab Januar 2022 werden alle Zimmer renoviert und in schickem Hippie-Bohème-Stil gestaltet. Die Eröffnung ist für den Sommer geplant. Paseo de Vara de Rey 2, 07800 Ibiza, Tel. +34 871 51 50 49, granhotelmontesolibiza.com
Foto: Ana Lui