EIN MANN, EIN DORF

Nachtquartier

Ein Mann, ein Dorf

Er kauft und saniert halb verfallene Dörfer, holt den alten Glanz hervor – und läßt neue Bewohner und Feriengäste an seiner Passion teilhaben. Frederic Coustols hat ein teures Hobby.

Juli 2021, Lesezeit: 9 Minuten

Oben: Blick vom Weiler in die sanft geschwungene Landschaft der Gascogne. Unten: Castelnau des Fieumarcon
aus der Luft gesehen, Foto: Antony Lancashire

Er nennt sich einen Landschaftssammler, aber eigentlich sammelt er alte Steine. Ruinen, um genau zu sein. Er hat Lissabons prächtigsten Alfama-Palast vor dem Verfall gerettet und ein Ming-Dorf in der chinesischen Guanxi-Provinz wieder bewohnbar gemacht. Frederic Coustols’ schönstes Projekt aber steht in Frankreich: Castelnau des Fieumarcon, ein mittelalterlicher Weiler, der nicht mehr existieren würde, wenn er ihn nicht gekauft und jahrelang restauriert hätte. Der Weiler steht auf einer Anhöhe im Departement Gers. Man durchfährt es auf einspurigen Straßen zwischen sanft gewellten Melonenfeldern und trifft unterwegs eher auf Jakobswegpilger als auf Gegenverkehr. Bezaubernde Dörfer wie Lectoure, Cologne oder Fleurance erwachen nur an Markttagen aus ihrem Dornröschenschlaf, dann aber ist tout le monde auf der Straße, um sich mit Obst und Gemüse, Gänseleber und Ziegenkäse einzudecken. Frederic Coustols kennt die Gegend seit seiner Kindheit, als Student hat er ein Buch über die traditionelle Architektur der Region geschrieben und veröffentlicht. Er wusste, worum es geht, als ihm 1978 der Dorfbäcker des Castelnau drei herunter gekommene Gebäude zum Kauf anbot.

Frederic Coustols im Palacio Belmonte (Lissabon).
Foto: Lucy Laucht

„Ich liebe diesen Ort. Ich empfand es als Glück, ihn gefunden zu haben, und ich war wild entschlossen, etwas für ihn zu tun.“

Frederic Coustols war damals 34 Jahre alt, er hatte beim Handelskonzern Cargill und mit einer pharmazeutischen Vertriebsgesellschaft gut verdient. Er zögert nicht. Er kauft dem Bäcker seinen Besitz ab und nach und nach den ganzen Weiler dazu: 32 Häuser aus dem 13. Jahrhundert, früher von 240 Menschen bewohnt, nun eine Ruine, in der nicht viel mehr als Grundmauern stehen. Um das Ensemble zu erwerben, musste er 99 Parzellen-Besitzer auszahlen, inklusive der Roma, die sich im Dorf aufhielten. Kostenpunkt: Ungefähr 120 Millionen alte Francs, umgerechnet ca. 180.000 Euro. Monsieur Coustols lacht, wenn man fragt, welcher Teufel ihn damals geritten hat. „Ich liebe diesen Ort“, erklärt er, „ich empfand es als Glück, ihn gefunden zu haben, und ich war wild entschlossen, etwas für ihn zu tun“.

Doch das ist es nicht allein. Frederic Coustols hatte zu viele alte Häuser verschwinden sehen, ohne etwas dagegen tun zu können. Er will dem Staat zeigen, dass es auch anders geht. Dass man historischen Gebäude erhalten kann. Dass das nicht mehr Geld kostet, als etwas Neues zu bauen. Dass die Landflucht gestoppt werden kann, wenn man Menschen in ruralen Regionen akzeptable Wohnbedingungen bietet. Es ist eine Wette, hoch gepokert, aber kühl durchdacht. Der Staat lässt sich darauf ein: Der Landkreis übernimmt einen Teil der Renovierungskosten unter der Bedingung, dass die Einheiten zehn Jahre lang zum staatlich festgelegten Mindesttarif vermietet werden. „Also habe ich angefangen“, erzählt Frederic Coustols, „allein, um alles zu entsorgen, waren 100 Lkw-Ladungen zu je 10 Tonnen nötig. Alles war ziemlich kompliziert und langwierig, aber es ist gelungen. 1988 zogen 16 Familien in die fertigen Häuser“.

Das Dorf und die einzelnen Häuser sehen fast genauso aus wie früher, sie wurden möglichst originalgetreu renoviert.
Fotos: Isabelle Souriment Bazin, Littlewing Photos

Von den ursprünglich 32 Häusern steht nur noch die Hälfte, die anderen sind romantisch-verwilderten Gärten mit Rosensträuchern, Kirsch-, Pflaumen- und Feigenbäumen, Glyzinien, Himbeerstauden und riesigen Rosmarinbüschen gewichen. Die Innenräume wurden ländlich-schick mit antiken Terracotta-Böden und handbemalten Dachbalken gestaltet. An den Wänden hängt zeitgenössische Kunst, hier steht eine von Frederic Coustols selbst gebastelten Lampen, dort ein Gaveau-Flügel aus dem 18. Jahrhundert. Das stilvolle Interieur ist allerdings eine zweite Auflage. Denn 1998 nimmt Frederic Coustols seinen Besitz wieder an sich und renoviert ihn noch mal. Seitdem gibt es einen Pool, Wlan und auf Wunsch ein warmes Abendessen.

Wohnraum mit Flügel im Haus Cassagnet. Foto: Littlewing Photos. Schlafzimmer im Haus Cadeot Haus. Pool der Anlage.
Foto: Didier Billes

Der romantische Weiler wird hin und wieder für ebenso romantisch inszenierte Hochzeiten gebucht.
Foto: Jonny Barratt

Heute wird Castelnau des Fieumarcon vorwiegend im Ganzen an Hochzeitsgesellschaften oder Unternehmen vermietet, aber auch Zimmerweise an Individualreisende, die die Ruhe und das einmalige Ambiente innerhalb der fünf Meter hohen Festungsmauer genießen möchten. „Ich will damit kein Geld verdienen“, sagt der Hausherr, der sein Dorf gerne selber für Workshops oder Feste gebraucht, „das Ganze soll nur kostendeckend arbeiten“. Ob es das tut? Monsieur Coustols lächelt verschmitzt. „Parfois“, sagt er, manchmal. Er hat noch nie einen Cent für Werbung ausgegeben, wer den Weiler nicht von alleine findet, bleibt eben weg. Und weil große Anlässe derzeit sowieso nicht stattfinden, ist der Castelnau wieder in einen sanften Dornröschenschlaf versunken – was für einzelne Gäste mit ausgeprägtem Spürsinn umso erfreulicher ist, denn die Zimmer werden für 120 Euro pro Nacht und Gast vermietet. Wer den ganzen Weiler buchen möchte, bezahlt etwas mehr: 26.322 Euro für zwei Nächte, 37 Zimmer und maximal 80 Gäste. thecastelnau.com

Weitere gerettete Dörfer

Weissenhaus, Deutschland

Jan Henric Buettner hatte in den USA ein beträchtliches Vermögen verdient, als er hörte, dass Schloss Weissenhaus zum Verkauf stand. Er kannte die Gegend, als Kind hatte er ganze Sommer im Ferienhaus seiner Eltern an der Hohwachter Bucht verbracht. 2005 kauft er für sieben Millionen Euro das 400 Jahre alte Dorf: 75 Hektar Land inklusive drei Kilometer Ostseeküste, einem baufälligen Schloss und 40 historischen Bruchbuden, deren drei Dutzend betagten Bewohnern er lebenslanges Mietrecht gewährt. „Ich hatte keine Ahnung, was ich damit tun würde“, erzählt er, „aber ich wusste, so eine Gelegenheit kommt nie wieder“. 2008 beginnen die Bauarbeiten, die das Dorf in eine Luxusherberge verwandeln sollten. Verwandeln? „Ich habe alles drangesetzt, die Atmosphäre von Weissenhaus so zu erhalten, wie sie war“, sagt Jan Henric Buettner. Trotzdem steht da jetzt das Weissenhaus Grand Village Resort & Spa, dessen 60 Zimmer und Suiten auf die penibel restaurierten alten Gebäude verteilt wurden. Zudem stehen Gästen diverse Restaurants und Bars zur Verfügung, eine Vinothek und ein großartiges Spa mit Schlosstherme. DZ ab 465 Euro, weissenhaus.de
Fotos: Christopher Schlang (ganz oben); ©soenne.com, ©weissenhaus.net

Hambleden Estate, England

Der Schweizer Urs Schwarzenbach kaufte sich 2007 für über 50 Millionen Franken ein komplettes englisches Dorf. Hambleden Estate befindet sich in der Grafschaft Buckinghamshire knapp 65 Kilometer von der Londoner City entfernt, und man kann nicht behaupten, dass es einen Retter benötigt hätte: Das pittoreske Zentrum und die 44 charmanten Ziegel- und Feuerstein-Häuser waren bereits in diversen Filmen zu sehen, Kirche, Pub und Dorfläden schön erhalten, die rund 750 Bewohner zufrieden. Doch Gutes kann verbessert werden. Der bekannte Financier, Kunstsammler und Besitzer des Luxushotels The Dolder Grand in Zürich startete ein Renovierungsprogramm, das nicht nur frei werdende Wohnhäuser auf ein deutlich höheres Niveau katapultiert, sondern auch öffentliche Einrichtungen wie die Post und das einzige Gasthaus im Ort. Das 400 Jahre alte The Stag & Huntsman bietet Urlaubern, die ein paar Tage in diesem britischen Idyll verbringen möchten, neun schöne Zimmer und ein gemütliches Pub mit urbritischer Küche. DZ ab 115 Britische Pfund, thestagandhuntsman.com

Borgo Finocchieto, Italien

Als der prominente amerikanische Anwalt John Philipps als Obamas Botschafter in Rom lebte, begab er sich auf die Suche nach einem Ferienhaus in der Toskana. Er dachte an ein hübsches Bauernhaus für sich und seine Familie, doch was er fand, war etwas anderes: Ein vor sich hin bröckelndes Ensemble von mehreren Häusern aus dem 14. Jahrhundert unweit der Weinhochburg Montalcino. Früher lebten dort gut 60 Landwirte, die letzten davon hatten das Gut in den 1960er Jahren verlassen. Das Dorf verfiel, Dächer stürzten ein, Stare nisteten über dem 500 Jahre alten Backsteinofen, in dem die Bauern früher ihr Brot buken. „Es standen nur noch Ruinen, ich hatte noch nie eine solche Stille erlebt“, erzählt John Philipps. 2001 kaufte er das Dorf und ließ es sieben Jahre lang sorgfältig renovieren. Natürlich war Borgo Finocchieto viel zu groß für ein Ferienhaus. Also entwickelte sein Besitzer ein neues Konzept: Der Weiler sollte ein kultureller und kreativer Treffpunkt werden, ein Mittelding zwischen gastfreundlichem Privathaus und luxuriösen Konferenzhotel. Heute stehen 22 elegante Suiten zur Verfügung, die auf verschiedene Gebäude verteilt sind. Dazu: ein Pool, ein Spa und exzellente Küche. Das Dorf wird nur exklusiv vermietet, ab mindestens neun Suiten (18 Personen) für drei Tage. Kostenpunkt: ab 10.000 Euro pro Nacht zzgl. 130 Euro pro Person für Mahlzeiten und Getränke. borgofinocchieto.com

Pedralva, Portugal

Auch für Pedralva fand sich ein Retter, der das Potential des verwahrlosten Dorfes an der noch nahezu unberührten Westküste der Algarve erkannte, und bereit war, sich dafür einzusetzen. Als Antonio Ferreira 2004 zufällig nach Pedralva kam, lebten nur noch neun Menschen in der einst florierenden Landwirtschaftsgemeinde, alle anderen hatten ihre Häuser verlassen, teilweise sogar vergessen. „Es war ein trostloser Anblick“, erzählt er, „ich versuchte mir vorzustellen, wie Pedralva aussehen könnte, wenn man es wieder aufbauen würde“. Der erfolgreiche Werbefachmann aus Lissabon war Mitte 30, als er mit seiner Familie in den Süden zog und erst eines der Häuser kaufte, dann zwei weitere, bis ihm 30 der insgesamt 50 Dorfhäuser gehörten. „Die größte Schwierigkeit lag darin, die Besitzer der Häuser ausfindig zu machen und zu kontaktieren“, sagt Antonio Ferreira, „dann ging es darum, wieder echtes Leben ins Dorf zu bringen, denn wenn Schule und Bäcker erst einmal zu sind, möchte niemand mehr dort wohnen“. Heute sind die Häuser mit wahlweise einem, zwei oder drei Schlafzimmern geschmackvoll möbliert und mit Bad, Wohnzimmer und Kochgelegenheit versehen. Im Dorf gibt es einen kleinen Laden und ein Café, das Restaurant Sítio da Pedralva ist an der ganzen Küste für seinen Stockfisch im Brotteig bekannt. „Um unseren Gästen einen Herzenswunsch zu erfüllen, haben wir auch einen Pool gebaut“, sagt Antonio Ferreira – obwohl das Meer gleich um die Ecke liegt. 1-Zimmer-Haus ab 106 Euro, aldeiadapedralva.com