PALMA TRUMPFT AUF

Stadtgeflüster

Palma trumpft auf

Von einem Ort, den man schnellstmöglich verlässt, ist Mallorcas Hauptstadt zu einer Destination geworden, an der man gerne länger bleibt. Trendsetter reisen heute nach Palma wie nach Paris oder Portofino – ohne den Rest der Insel eines Blickes zu würdigen.

Mai 2021, Lesezeit: 18 Minuten

Ganz oben: Restaurant Canela. Mitte: Palmas Dächer und Kathedrale La Seu. Oben: Fundació Miró Mallorca, Foto: Rubén Perdomo.

Hand aufs Herz: Hat früher nicht jeder gelästert? „Putzfraueninsel“, „Bettenburg“, „Ballermann“… Mallorca war mit das Letzte, wo man hin wollte. Kein Urlaubsziel der Welt wurde mit so vielen unattraktiven Vorurteilen bedacht wie die größte Insel der Balearen. Das Image änderte sich, als Claudia Schiffer, Michael Douglas, Annie Lennox und andere Prominente vor rund 20 Jahren damit begannen, ihre Freizeit in der eigenen mallorquinischen Finca zu verbringen. Plötzlich galt das stille, ländliche Hinterland der Insel als Geheimtipp. Wer Geld und Geschmack hatte, besaß dort einen liebevoll renovierten Bauernhof mit Pool, Boccia-Bahn und einem Weinberg vor der Tür.

Inzwischen spielt Ballermann (fast) keine Rolle mehr. Nach dem Hinterland wurde die Küste entdeckt und schließlich, ganz zum Schluss, die Hauptstadt Palma. Mit ihren von mächtigen Platanen flankierten Alleen, den sandsteingepflasterten Gassen, den gotischen Kathedralen und modernistischen Palästen war Mallorcas Kapitale schon immer schön – aber auch ziemlich heruntergekommen. Noch vor zehn Jahren standen viele der prachtvollen Wohnhäuser leer, die Fenster waren vernagelt, die Straßen dunkel, die Plätze dreckig. Nach Sonnenuntergang traute sich kaum ein Mensch ins Stadtzentrum.

Modernistische Fassaden an der Plaça Quadrato. Gotisches Fenster im Gebäude La Lonja de los Mercaderes, Foto: Raquel Ojaos. Altstadtgasse.

Heute präsentiert sich Palma selbstbewusst als Minimetropole mit Mittelmeer-Charme, die 400.000-Einwohner-Stadt ist zu einer Destination für urbane Genießer geworden: „Als unser Hotel 2014 als eines der ersten Boutiquehotels überhaupt in Palma eröffnete, war das Viertel, in dem wir uns befinden, verrucht und vernachlässigt“, sagt Miguel Garcia Feliz, Hoteldirektor des edlen Sant Francesc Hotel Singular, „nach und nach sind dann um uns herum weitere charmante Gästehäuser entstanden“. Auf die Hotels folgten nette Cafés, schicke Geschäfte und gute Restaurants. Heute listet der Guide Michelin rund 14 Lokale in Palma auf, darunter drei mit Stern.

„Die Stadt ist zu einer kulinarischen Destination geworden“, glaubt Marc Fosh. Der Brite ist Inhaber und Chefkoch des ersten und jahrelang einzigen Sterne-Restaurant der Stadt. „Als ich 2009 eröffnete, war Palma abends wie ausgestorben“, erzählt er, „auch in kulinarischer Hinsicht war ich ganz alleine, es gab niemanden, der Gourmetküche anbot. Inzwischen kochen viele junge, ambitionierte Küchenchefs für viele anspruchsvolle Besucher. Das war früher nicht der Fall“.

Palma hat sich verändert, selbst das etwas schrammelige Szeneviertel Santa Catalina wurde mit Bioläden, Designerateliers und frisch renovierten bunten Häuschen zu einer angesagten Adresse. Wer sie bewohnt, kann in der zauberhaften Markthalle des Quartiers feinsten Iberico-Schinken, Manchego-Käse und sonnengereifte Insel-Erdbeeren kaufen. Oder sich in einem der lässigen Straßencafés zum Cappuccino mit Mandelmilch einen Fair-Trade-Quinoa-Salat bestellen. Die Gentrifizierung macht auch vor Palma nicht halt – aber sie hält sich in Grenzen. Noch glauben die meisten Mallorca-Besucher, die schönsten Ecken der Insel seien anderswo – sie landen und fahren weiter. Zum Glück, finden alle jene, die lieber in der Hauptstadt bleiben.

Kultur

Katalanische Kunst:
CaixaForum Palma

Das ehemalige Grand Hotel sprüht nur so vor Grandezza und spanischem Modernismus. Das Gebäude ist Sitz der Kulturstiftung der Bank La Caixa, gezeigt werden die Werke von Hermenegildo Anglada Camarasa, einem katalanischen Maler des Postimpressionismus und des Jugendstils, der am 17. Juli 1959 in Pollença starb. Bis Anfang September sind seine mallorquinischen Landschaftsbilder zu sehen. caixaforum.org/es/palma

Künstlererbe:
Fundació Miró Mallorca

Die Fundació Pilar i Joan Miró befindet sich in drei bemerkenswerten Gebäuden völlig unterschiedlicher Stilrichtung, die dem katalanischen Künstler bis zu seinem Tod 1983 als Werkstätten dienten. Zu sehen sind etwa 6000 Werke aus dem Nachlass Mirós – Gemälde, Zeichnungen und grafische Werke, aber auch Skulpturen und Objekte. Zudem gibt es temporäre Ausstellungen anderer Künstler. miromallorca.com
Foto: Julia Miguel

Die Fifties:
Galería Pelaires

In der bereits 1969 eröffneten Galerie von Josep Pinya ist vor allem Kunst aus den 50er Jahren vertreten, darunter Werke internationaler Größen wie Miró, Alexander Calder, Robert Motherwell oder Antoni Tàpies. Die Galería Pelaires mit ihren gewölbten Räumen ist ein absolutes Muss für alle Kunstliebhaber und hat die längste Ausstellungsgeschichte zeitgenössischer Kunst in Spanien. pelaires.com

Essen

Sterne-Küche:
Marc Fosh

Der Londoner Sternekoch Marc Fosh war der erste, der mit Tauben-Foie-Gras und Orangenblüten-Creme Palmas Ruf als Gourmet-Reiseziel begründete. Seine produktbezogenen Gerichte nehmen so manches Traditionsrezept der Insel auf, als besondere Köstlichkeit gelten seine vegetarischen Menüs. Das schlicht-elegante Lokal residiert in den lichtdurchfluteten Räumen einer ehemaligen Missionar-Schule aus dem 17. Jahrhundert, bei schönem Wetter sitzt man im begrünten Patio. marcfosh.com

Kult-Kantine:
Patron Lunares

Man versteht sich als Fischer-Kneipe, aber das ist falsche Bescheidenheit. Das großräumige Lokal in Santa Catalina spielt nicht nur gekonnt mit coolem Design und historischen Elementen, sondern setzt kompromisslos auf eine produktorientierte Meeres-Küche: Ceviche, Tuna-Tataki oder Bacalao à la Mallorquina. patronlunares.com

Less is more:
Adrian Quetglas

Unaufgeregt-schönes Sterne-Restaurant mit Terrasse. Gut informierte Urlauber und Einheimische sitzen an hübsch gedeckten Holztischen und freuen sich über den eigenwilligen, wunderschön aussehenden Selyodka pod shuboy (russischer Salat). Es gibt nur ein Menü, mittags mit fünf, abends mit sieben Gängen. Gleich nebenan befindet sich die von Adrián Quetglas geführte Weinbar D’gustar, in der es großartige spanische Weine und kleine Köstlichkeiten gibt. adrianquetglas.es

Gourmet-Schnäppchen:
Aromata

In seinem Zweitrestaurant bietet der mallorquinische Sternekoch Andreu Genestra kreative Gerichte wie Foie-Gras-Ravioli oder Jagdente mit Blutorangen und grünem Curry an. Das 3-Gänge-Mittagsmenü kostet 18,50 Euro inklusive Brot, Wasser und einem Glas Wein. Abends werden die Tische weiß gedeckt und mit Kerzen beleuchtet, das siebengängige Tasting-Menü kostet 50 Euro und ist jeden Cent wert. aromatarestaurant.com

Fusion auf spanisch:
Canela

Erst eröffneten Irene Rigo und Fabian Fuster eine Weinbar, dann kamen Tapas dazu und 2013 verwandelten sie den alten Delikatessenladen der Familie in ein richtiges Restaurant. Chefkoch Fabian hat seine eigene Fusion-Küche entwickelt, zu den Bestsellern der Menükarte zählen die gebratenen Teigtaschen (Gyozas) mit Fischfüllung und die glasierte Iberico-Schweinelende. canelapalma.com

Trinken

Wine & Dine:
Vermutería La Rosa

Die meisten Gäste stehen im weiß gekachelten Barraum oder vor der Tür, bestellen einen Wermut auf Eis und ein paar Chips mit scharfer Soße dazu. Zum zweiten Glas könnte man sich aber auch butterzarten gegrillten Oktopus, fluffige Kartoffel-Tortilla, gebratene Pilze, Spinat-Kroketten auf kleinen Tellerchen kommen lassen. Alles schmeckt köstlich! larosavermuteria.com

People watching:
Cappuccino Grand Café

Direkt gegenüber des barocken Rathauses und gleich neben dem ältesten Olivenbaum Mallorcas stehen die Tische und Stühle des derzeit wohl beliebtesten Cafés in Palma. Einheimische und Touristen genießen das bunte Treiben, die buttrigen Riesen-Croissants, die leckeren Torten und den hervorragenden Cappuccino. cappuccinograndcafe.es
Foto: Nicolas Matheus

Speakeasy-Stil:
Clandestino Cocktail Club

Nur ein winziges Namensschild weist auf die Existenz der bestenfalls 50 Quadratmeter großen Bar hin. Jeden Abend ab 18 Uhr empfangen Marion und Sergi mit innovativen Cocktails, cooler Musik und ihrer netten, sehr persönlichen Art. Auf Wunsch gibt es auch etwas zu essen aus dem Restaurant Canela direkt gegenüber. Carrer de Sant Jaume 12

Schlafen

Zeitgeist-Palazzo:
Sant Francesc Hotel Singular

Das durchgestylte Fünf-Sterne-Hotel befindet sich in einem denkmalgeschützten Palast aus dem 19. Jahrhundert. Lobby, Patio und die 42 Zimmer und Suiten wirken urban und kosmopolitisch, man freut sich über frei stehende Badewannen und Originalfresken an mancher Decke. Das Restaurant Quadrat punktet mit feiner Mittelmeerküche und Terrasse, als Highlight des Hauses gilt die Dachterrasse mit Bar und Pool. DZ ab 225 Euro, hotelsantfrancesc.com

Vintage-Charme:
Hotel Cort

14 wunderschöne Suiten und zwei Doppelzimmer in einem ehemaligen Bankgebäude direkt am Plaça de Cort. Großzügige und helle Räume mit weiß getünchten Holzdecken, samtigen Dielenböden und bequemen, breiten Betten. Dazu gibt es ein schickes Restaurant im Vintage-Bodega-Stil mit ambitionierter Mittelmeerküche und eine nette Terrasse vor der Tür. DZ ab 165 Euro, hotelcort.com

Park mit Pool:
Can Bordoy

Die Calle Forn de La Glòria ist eine belebte Altstadt-Straße – trotzdem gilt das Can Bordoy Grand House & Garden als intime Ruheoase. Der mittelalterliche Adelspalast beherbergt 24 unterschiedlich gestaltete Suiten, die zugleich modern und antik, minimalistisch und opulent wirken. Dazu kommen ein elegantes Spa, ein Bio-Gourmetrestaurant, eine romantische Dachterrasse sowie ein großer Privatpark mit beheiztem Außenpool. Suite ab 303 Euro, canbordoy.com

Pariser Chic:
Hotel Mamá

Das Hotel Mamá mit 32 Zimmern, japanischem Restaurant, Privatkino, Pool und Spa wurde vom Pariser Star-Dekorateur Jacques Grange eingerichtet, der für opulente Eleganz und höchsten Wohnkomfort steht. Hier entschied er sich für eine fröhliche Mischung aus Mustern und Farben, für bunte Mosaikkachelböden und Blumentapeten. DZ ab 220 Euro, hotelmama.es
Foto: Nicolas Matheus

Nachtleben inklusive:
Bosch Hotel

Sechs schicke Suiten über der bekannten Bar Bosch, die seit 1936 ein beliebter Treffpunkt für Einheimische ist. Sie punkten mit Holzböden, Holzdecken, tollen Bädern und puristischem Mobiliar sowie mit der leckeren Marktküche, die im Restaurant in der ersten Etage serviert wird. DZ ab 77 Euro, hotelbosch.com

Shopping

Schöner wohnen:
Casa Lima

Der Schweizer Marc Kuenzle lebt schon lange auf Mallorca, doch erst im Februar dieses Jahres eröffnete er seinen Laden für hochwertige Wohnkultur. Fast alles, was hier verkauft wird, ist auf der Insel entstanden: schwere Holztische und Sessel, riesige Tonvasen, filigrane Windlichter oder farbenfrohe Zierkissen. Wer keine Finca auf Mallorca besitzt, bekommt seine Einkäufe geliefert. casa-lima.es

Brot und mehr:
Fornet de la Soca

Eine Bäckerei wie aus dem Bilderbuch: winzig, mit einsehbarer Backstube und Vitrinen voller Köstlichkeiten. Inhaber Tomeu Arbono wurde für das beste Brot Spaniens prämiert, seine Frau Maria José steht im Laden und verkauft Küchlein mit Stockfisch-Füllung (Pasteló), Schmalztorte (Ensaimada) und zierliche Schoko-Cakes. Alles kann mitgenommen oder auf der Holzbank vor der Tür gegessen werden. fornetdelasoca.com

Espadrilles:
Magatzem de Santa Catalina

Ein Himmelreich voller Espadrilles! In der kleinen Boutique von Schuster Domingo Moya steht ein Hingucker neben dem anderen und es fällt schwer, sich auf ein einziges Paar der bunt gemusterten, handgemachten Stoffschuhe zu beschränken. Domingo produziert sie höchstpersönlich auf seinem Bauernhof im Norden von Mallorca und bietet auch Accessoires wie Hüte, Armbänder und Flechtkörbe an. Placa Navegació 2 A

Edel-Schokolade:
Cachao

In seiner kleinen Schoko-Manufaktur im Trendviertel Santa Catalina produziert Tino Wolter Schokolade aus 100% ungerösteten Kakaobohnen und anderen nachhaltig-ökologischen Zutaten, die häufig vor Ort bezogen werden (Fleur de Sel, Orangen). Zu den Bestsellern zählen die Sorten „Rosmarin und Walnuss“, „Kaffee“, „Aprikose und Lavendel“ sowie die jeweils neuesten Experimente des gebürtigen Berliners. cachao.eu

Märkte

Am bekanntesten ist die große Markthalle in der Altstadt: Mercat de l’Olivar (mercatolivar.com) mit grossartigem Fisch- und Gemüseangebot sowie Ständen, an denen man Iberico Schinken, Austern oder frittierte Sardinen essen kann. Ähnlich, aber kleiner und weniger touristisch ist die Markthalle in Santa Catalina (mercatdesantacatalina.com). Gourmets gehen zum Mercado Gastronómico de San Juan (Carrer de l’Emperadriu Eugènia 6), wo es an schicken Food-Stalls Sushi, gebratene Entenleber und andere Köstlichkeiten gibt. Jeden Dienstag- und Samstagmorgen lockt der Biomarkt an der Plaça dels Patins mit Öko-Produkten von Mallorca.

Mein Palma

Marc Fosh
Sternekoch

Ich starte meinen Tag gerne mit einem Spaziergang zwischen den Blumenständen an der Rambla. Gleich um die Ecke betreibt ein junges Paar die Rosevelvet Bakery (Calle Missió 15). Hier gibt es den besten Bio-Kaffee der Stadt und hausgemachte Patisserie, der ich nicht widerstehen kann. Nach dem Frühstück gehe ich zum Mercat de l’Olivar (mercatolivar.com), um mich von den tollen einheimischen Produkten inspirieren zu lassen. Die Fischhalle ist grandios, mitten drin steht eine Austernbar mit einer guten Champagnerauswahl. Wenn das Wetter schön ist, fahre ich mit dem Rad die Küste entlang bis ins Sa Roqueta (restaurantesaroqueta.com). Das einfache Lokal in einer stillen Gasse unweit vom Hafen von Portixol ist für gegrillten Fisch, Hummer und Garnelen bekannt, aber Vorsicht: Es ist nicht billig! Schlichte, spanische Kost gibt es im Casa Maruka (restaurantecasamaruka.com). Die Küche ist deftig und lecker, der Wein anständig und bezahlbar. Mein Lieblingsmuseum ist das Museu Fundación Juan March (march.es), das sich in einem Gebäude aus dem 17. Jahrhundert befindet. Zu sehen sind die Werke bekannter spanischer Künstler wie Pablo Picasso, Joan Miró, Juan Gris oder Salvador Dalí. Am frühen Abend gehe ich gerne in die Vermutería La Rosa (larosavermuteria.com), einer lauten, lebhaften Tapas Bar. Später besuche ich meinen Freund Rafa Martin im Brass Club (brassclub.com). Rafa ist einer der bekanntesten Barmen Spaniens, in seiner kleinen Bar serviert er beeindruckende Cocktails. Die beste Aussicht hat man von der Sky Bar im Hostal Cuba (hotelhostalcuba.com). In Sommernächten ist das der beste Ort, um bei einem Mojito zu chillen und das besondere Flair von Palma aufzunehmen.

Spanische Köstlichkeiten in der Vermuteria La Rosa.

Treppenhaus im Museu Fundación Juan March, Foto: Xisco Bonín.